Mittwoch, 6. Juni 2012

[Rezension] "The Perks of Being a Wallflower"//"vielleicht lieber morgen" von Stephen Chbosky


vielleicht lieber morgen von Stephen Chbosky
Lieber Freund,
ich schreibe dir, weil sie gesagt hat, dass du ein Mensch bist, der ein-
fach zuhört und versteht. Und weil du nicht versucht hast, auf einer
Party mit einer bestimmten Person zu schlafen, obwohl du die Chan-
ce dazu gehabt hättest. Bitte versuch nicht herauszufinden, wer sie
ist, denn dann könntest du darauf kommen, wer ich bin, und das will
ich nicht. Die Namen der Personen, über die ich schreibe, werde ich
ändern, weil ich nicht will, dass du errätst, wer ich bin. Aus demselben
Grund habe ich auch keinen Absender angegeben. Dahinter steckt
wirklich nichts anderes, das kannst du mir glauben.
Mir ist einfach nur wichtig zu wissen, dass es jemanden gibt, der
zuhört und versteht und nicht versucht, mit allen möglichen Leuten
zu schlafen, obwohl er die Chancen dazu hätte. Mir ist es wichtig zu
wissen, dass es auch solche Leute gibt.
Ich glaube, dass gerade du das verstehen kannst, weil gerade du
dein Leben lebst und zu schätzen weißt, was das heißt. Das hoffe ich
jedenfalls, denn andere Leute bewundern dich wegen deines starken
Willens und wollen mit dir befreundet sein, und beides ist so einfach.
So, das ist mein Leben. Und du sollst wissen, dass ich glücklich
und traurig zugleich bin und noch immer versuche zu begreifen, wie
das sein kann.“ (S. 8)


Acht Jahre ist es her, als ich diese Zeilen das erste Mal las. Meine Schulfreundin hat mir das Buch damals ausgeliehen. Sie meinte, dass sie einige Dinge darin an mich erinnern würden – glaube ich jedenfalls.
Das war im Frühsommer 2003 – glaube ich auch. Damals war ich noch ein Schwamm und kein Filter.
Vier Jahre ist es her, als ich mir ein eigenes Exemplar besorgte. Ich weiß leider nicht mehr, wieso. Ich weiß aber noch, dass ich auf einem Festival (Summerbreeze 2007) gewesen bin und einen Großteil der Zeit lesend im Zelt verbracht habe – anstatt herumzurennen und mich zu betrinken. Damals war ich ein schwammiger Filter.
Ein Jahr ist es her, als ich das Bedürfnis hatte, einem Freund einige Bücher, die mir viel bedeuten, zum Lesen zu geben. Dieses sollte das erste sein.
Ein paar Minuten ist es her, als ich mich nun doch durchgerungen und den Trailer für die Verfilmung des Buches angeschaut habe und aus aktuellem Anlass dieses Buch als erstes für die Challenge reinstellen möchte.


Im Folgenden kann man Informationen über das Buch in Form von Trivia, Klappentext, Rezension und einem Glossar erhalten. Die Rezension gliedert sich in Stil, Plot und einer persönlichen Wertung.
Viel Vergnügen beim Lesen!


Trivia:  

  • Titel: vielleicht lieber morgen (orig.: the perks of being a wallflower)
  • Autor: Stephen Chbosky
  • Seiten: 222
  • 6. Auflage 2007
  • Egmont Verlagsgesellschaften (vgs), Köln
  • ISBN: 978-3-8025-2735-7


Klappentext: 


Wir wissen nicht, an wen er schreibt. Aber wir wissen, warum:
Charlie wird von einer geballten Ladung Leben erwischt.
In Form von Liebes- und Familiendramen, Sex und Drogen,
neuen Freunden und legendären Partys kommt es daher und
will verarbeitet werden.
In Briefen, die so sonderbar rührend wie gleichzeitig todtraurig
Und urkomisch sind.
Mit Vielleicht lieber Morgen hat Stephen Chbosky ein eindringliches
Debüt geschrieben – von den wilden Tagen, an denen die großen
Gefühle noch neu sind.

Rezension:


 "vielleicht lieber morgen//the perks of being a wallflower", erschienen 1999, ist ein von Stephen Chbosky verfasster Briefroman und stellt das Erstlingswerk des US-Amerikaners dar. Das Lektorat der hier rezensierten Auflage übernahm Verena Ludorff.

Stil - Briefroman und einfache Sprache


Die Form des Briefromans ist eine Besonderheit, denn der Leser erfährt die Handlung anhand von Briefen eines Protagonisten in der "Ich-Form" und kann sich quasi als Adressat fühlen, was eine sehr gute Integration in die Handlung erlaubt und den Leser sehr schnell in einen Sog aufnimmt: Auf einmal ist man wieder gefühlsmässig in der Pubertät. Durch diese Form kommt es manchmal zu Handlungslücken, wodurch gewisse Zeitsprünge zustande kommen. Der Leser ist nicht das "Allwissende Auge", sondern erfährt nur so viel, wie es der Protagonist zulässt - was jedoch keinesfalls störend ist und einen gewissen Charme erzeugt. Man wartet wie der Empfänger eines Briefes förmlich darauf, etwas Neues vom Absender zu hören.
Stilistisch ist das Buch sehr simpel geschrieben, ohne komplizierte Satzkonstruktionen. Vor allem auffällig sind die vielen, kleinen Beobachtungen/Bemerkungen, die die Protagonisten von sich geben und das Buch so liebenswert und lebendig gestalten, wie:
"Als das Lied zu Ende war, sagte ich was.
>>Ich fühle mich unendlich.<<
Und Sam und Patrick schauten mich an, als hätte ich das Tollste gesagt, was sie je gehört hatten." (S. 40)

Plot- ein 15-jähriges Mauerblümchen erblüht


Die Handlung spielt sich in den USA ab und erstreckt sich über ein Jahr: Sie beginnt mit dem ersten Brief, datiert mit 18. August 1991 und endet mit dem letzten am 23. August 1992. Der Verfasser der Briefe nennt sich Charlie und weist darauf hin, dass er jegliche vorkommende Personen anonymisiert hat - sich selbst eingeschlossen. Der Anlass der Briefe ist, dass Charlie, jüngster Sohn einer 5-köpfigen Familie, auf die Highschool gekommen ist (entspricht hier in etwa der 9. Klasse) - was in den USA einen schulischen, aber auch persönlichen Meilenstein in Richtung "Erwachsensein" bedeutet. 
Man merkt schnell, dass der 15-jährige Charlie etwas Besonderes ist. Das bemerken ebenfalls die Stiefgeschwister Sam und Patrick, welche drei Jahre älter als Charlie sind und die Abschlussklasse besuchen. Sie beide integrieren Charlie in ihre heterogene Clique. Dadurch erfährt Charlie, was es heißt zu leben, glückliche, aber auch traurige Momente. 
Ebenso wichtig ist seine Familie. Er hat noch einen älteren Bruder, der mittlerweile auf das College geht, dort Football spielt und nicht mehr zu Hause wohnt. Seine Schwester geht wie Sam und Patrick in die Abschlussklasse. Retrospektiv werden viele Erlebnisse aus seiner Kindheit und seinem Familienalltag geschildert.
Eine ebenfalls erwähnenswerte Rolle spielt Charlies Englisch-Lehrer "Bill", der Charlies Potential fördert und ihn regelmässig mit Klassikern der englischen Literatur versorgt (siehe unten).
Somit erhält man durch die Briefe Einblicke in Charlie's Alltag: Erlebnisse, Gespräche innerhalb seiner Familie, mit seinen Freunden oder in der Schule lassen den Leser lebhaft teilnehmen. Dabei spielt die Nennung von Filmen, Büchern und Musik auch eine wichtige Rolle, da man dadurch die Jugendkultur besser fassen kann.

Persönliche Bewertung - von Romantisierung, gewagten Vergleichen und Paradoxien


Man hat wohl bereits gemerkt, dass ich keine Kritikerin dieses Buches bin. Ich finde es mit 24-Jahren nach wie vor toll. Stephen Chbosky schafft es mit einer einfühlsamen Sprache einen sensiblen Flair aufzubauen, der sich das ganze Buch über durchzieht. Es gibt zwar Passagen, wo das Geschreibsel von Charlie etwas langatmig erscheint - nichtsdestotrotz kann man, selbst wenn man es kurz weggelegt hat, nicht aufhören. Etwas anmaßend, aber: In gewisser Hinsicht stellt dieses Buch den "Fänger im Roggen//The Catcher in the Rye" der 90er Jahre dar: Eine Romantisierung des Jugendlichen, erfüllt von Weltschmerz.
Spannend finde ich auch folgendes Weltschmerz-Paradox, welches das Buch erzeugt: Man denkt ständig (vor allem als Teenager), man sei der/die einzige mit solchen Gefühlen. Die große Zusprache des Buches, beweist aber etwas Anderes: Fast jede/r, kann sich hineinfühlen und bestimmte Gedankengänge nachvollziehen, findet sich selbst also wieder. Also das Paradox der Individuen, die im Chor schreien, sie seien alle individuell.
Alles in allem ist es für mich ein Tolles Buch, was ich jedem, der mir nahe steht, empfehle. Die Handlung ist traurig wie schön, die Charaktere liebenswert. Für ein paar Tage ist man wieder zurückversetzt, in diese verrückte Zeit, wo Alltagstrott fast schon ein Fremdwort gewesen ist.



Quellen:


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