Mittwoch, 12. September 2012

[Rezension] "Lycidas: Die Uralte Metropole" von Christoph Marzi

Lycidas: Die Uralte Metropole von Christoph Marzi
"Die Welt ist gierig, und manchmal verschlingt sie
kleine Kinder mit Haut und Haaren. Emily Liang erfuhr dies, bevor
ihre Zeit gekommen war. Als sie meinen Weg kreuzte, flüchtete sie
vor denen, die ihr eine Zukunft versprochen hatten, jenen, die täu-
schen und lügen und betrügen und dafür sorgen, dass das Lächeln in
Kindergesichtern traurig und unecht wirkt.
Außer Atem kniete das Mädchen am Fuße einer Rolltreppe in der
Tottenham Court Road, während der lauwarme Wind eines nahen-
den Zuges ihr das rote, lockige Haar aus dem schmutzigen Gesicht
blies. Ängstlich sah sie mich an, und als ich der Ratte gewahr wurde,
die neben dem Mädchen auf dem Boden saß und zutraulich die
Schnauze gegen die Hand der Kleinen drückte, um mich sodann mit
wachsamen Kulleraugen zu mustern, wusste ich, dass ich die Unter-
grundbahn allein nicht veralssen würde.
So lernte ich Emily Liang kennen.
An einem Tag im Winter.
Nicht lange vor Weihnachten.
>>Sie sollte längts zurück sein<<, höre ich mein Gegenüber sagen.
Die Besorgnis, die nie verschwindet, erwacht zu neuem Leben.
Ich lasse den Blick durch den Raum schweifen. Normalerweise
beruhigt mich dieser Raum mit der niedrigen Holzdecke und den
vielen Gästen, die laut redend ihr Bier trinken. Nicht jedoch an die-
sem Abend.
>>Sie hat es geschafft<<, bemerkte ich möglichst zuversichtlich.
>>Du spürst es?<<, will mein Gegenüber wissen.
Ich nicke nur.
>>Ich spüre nichts. Nicht das Geringste.<<"  (S.11)

Zu diesem Roman habe ich leider keinen schönen, persönlichen Prolog, wie es bei "Vielleicht lieber Morgen" der Fall gewesen ist.
Dennoch ist erwähnenswert, dass ich das vorliegende Buch in diesem Jahr während einem meiner üblichen Bummel-Ausflüge im hiesigen Hugendubel erstanden habe. Ich fand schlichtweg das Design schön gestaltet und dachte mir, dass eine Geschichte über London, einer sogenannten "Uralten Metropole", Wölfen und Alchemisten sicherlich interessant sei.

Im Folgenden kann man Informationen über das Buch in Form von Trivia, Klappentext und einer Rezension erhalten. Die Rezension gliedert sich in Stil, Plot und einer persönlichen Wertung.
Viel Vergnügen beim Lesen!


Trivia:

  • Titel: Lycidas: Die Uralte Metropole
  • Autor: Christoph Marzi
  • Seiten: 862
  • Taschenbuchausgabe 12/2011
  • Wilhelm Heyne Verlag München (Verlagsgruppe Random House)
  • ISBN: 978-3-453-52910-6

Klappentext:


Emily Liang und das Rästel der Uralten Metropole

Als Emily mitten in der Nacht Besuch von einer 
sprechenden Ratte erhält, bleibt ihr kaum Zeit, sich
darüber zu wundern. Plötzlich ist die junge Waise
dem Geheimnis ihrer Herkunft auf der Spur, sie lernt
den mürrischen Alchemisten Wittgenstein kennen
und hat alle Hände voll zu tun, Wittgenstein, sich und
ihre kleine Schwester vor Wölfen und anderen gefähr-
lichen Wesen zu retten. Denn in London, der Stadt
der Nebel, ist nichts wie es scheint ...


Rezension:


"Lycidas: Die Uralte Metropole" erschienen am 1. Dezember 2004, ist der Debütroman von Christoph Marzi und kann in das Genre "Fantasy" zugeordnet werden. Der Autor hat für diesen Roman den "Phantastik Grimme Preis" erhalten.

Stil - Fantasy-Roman

Der Stil des Romans fällt sehr einfach aus, jedoch mit ein paar Besonderheiten. So stellt zwar Emily Liang die Protagonistin dar, dennoch wird die Geschichte aus der Perspektive von Alchemist Wittgenstein erzählt, welcher der Allwissende ist und in die weiteren Figuren hineinschauen kann. Dh. der Roman wird größtenteils indirekt erzählt. Marzi geizt dabei nicht mit Umgebungsbeschreibungen, die es schaffen, die Figuren und Orte lebendig wirken zu lassen, wodurch filmartige Sequenzen geschaffen werden. Ebenso stellt er einen starken Bezug zu Mythologien und Geschichten verschiedenster Art her: Vom Schöpfungsmythos über Jack the Ripper. Auch geizt er nicht mit mythischen Figuren wie Elfen, Werwölfen und gottähnlichen Gestalten.

Plot - "Es gibt keine Zufälle"

Die Handlung spielt sich im postmodernen London ab und gleichzeitig in der Uralten Metropole, wo "es so eine Sache ist, mit der Zeit". Marzi führt viele Figuren ein, wobei wie oben bereits erwähnt, die Geschichte zwar vom mürrischen Alchemisten Wittgenstein erzählt wird, jedoch für die Handlung zentraler die Figur der Emily Liang ist. Zu Beginn ist sie ein 12-jähriges Waisenkind, obendrein hat sie aufgrund einer groben Misshandlung nur ein Auge. Dabei wurde sie aus ihrem tristen Waisenhaus-Alltag herausgrissen, als sie von einer Ratte erfährt, dass das neue Kleinkind ihre Schwester sei. Am selben Abend wird diese jedoch von einem Lykanthropen entführt, woraufhin Emily beschließt, das Waisenhaus zu verlassen, woraufhin sie mit Wittgenstein zusammentrifft. Im Laufe der Handlung findet der Leser gemeinsam mit Emily Liang heraus, was es mit ihrer Vergangenheit auf sich hat, wobei immer wieder die Maxime "Es gibt keine Zufälle" auftaucht.

Persönliche Bewertung - "Fragen Sie nicht"

Bis etwa zur Hälfte empfand ich den Roman als sehr spannend, abwechlsungsreich und interessant, weil Marzi mit den vielen gut beschriebenen Figuren und Schauplätzen eine einladende Atmosphäre geschaffen hat und die Entwicklung von Emily Liang gut nachvollziehbar gewesen ist. Nett sind auch die jeweiligen Charakteristika der einzelnen Figuren, wie beispielsweise Wittgensteins eigentümlicher Humor, der sich auf seine typische Reaktion auf Fragen eines Kindes bezieht, die sich in der Aussage "Fragen Sie nicht" äußert. Auch der Bezug zu Mythologien und die Interpretation von Jack the Ripper empfand ich als lesenswert und interessant. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt haben mich die vielen Wiederholungen und Rückblicke etwas gelangweilt, weshalb ich das Buch teilweise wochenlang nicht weitergelesen habe, da es mir dann doch zu langatmig erschien. Da halfen auch nicht die plötzlichen Wendungen gegen Ende des Buchs.
Alles in allem ist der Ansatz gut, dennoch nichts für Menschen, die Bücher innerhalb weniger Tage verschlingen müssen, weil einem da die ständige Wiederholerei beim Durchlesen doch negativ auffällt.

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